Drei Fragen an...

Stefanie Pluta: here, 2016

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Ein Gespräch zwischen der Künstlerin Stefanie Pluta und der Kunsthistorikerin Kathrin Barutzki zu Stefanie Plutas aktuellem Fotobuch here (2016) für www.on-artbooks.com

Fakten zum Buch
Titel: here
Jahr: 2016
Bindung: Klebebindung
Seiten: blanko, nicht nummeriert 100
Fotografie: s/w 98 Fotografien
Auflage: 8 (Neudruck in Offset ist geplant)
Druck: Digitaldruck (Neudruck in Offset ist geplant)
Produktion: KHM

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KB: Wir kommen heute zusammen, um über Dein aktuelles Fotobuch here und gleichzeitiges Abschlussprojekt an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln zu sprechen. Das Buch zeigt Fotografien von Scratchings, Graffiti, hinterlassene Spuren auf dem Stein des Kölner Doms. Wie bist Du auf die Idee gekommen, diese Wandzeichnungen festzuhalten?

SP: Urbane Phänomene oder Randphänomene spielen ja oft in meiner künstlerischen Arbeit eine große Rolle oder sind Ausgangspunkt für meine Projekte. Ich war auf der Domplatte unterwegs um Fotos von Baustellen in der Umgebung zu machen, dabei fiel mir ein Scratching an der Wand des Doms auf. Einmal darauf aufmerksam geworden, fand ich eine Menge an Graffitis und Scratchings, oftmals Mischformen aus Bild und Text, die zwischen dem Abstrakten und Konkreten oszillieren. Mal sind sie eindeutig, verweisen auf Namen, Daten, Orte oder Freundschafts- und Liebesbeziehungen, mal erscheinen sie wie ungegenständliche Zeichnungen, deren Botschaft rätselhaft bleibt. Obwohl das Schreiben und Kratzen an die Wände des Doms nicht erlaubt ist (kleine, laminierte Schilder weisen darauf hin), scheint es dennoch nicht explizit verfolgt oder bestraft zu werden. Es findet sich, vor allem im Aufgang zur Wendeltreppe und auf der Aussichtsplattform des Nordturms, eine Oase der Zeichen, die dort ein unbehelligtes Eigenleben zu führen scheinen.

KB: Das Buch hast Du beim Abschlussrundgang in der KHM als Teil einer Installation präsentiert, wobei das Buch von den Besucher_innen durchblättert werden konnte. Wie sah diese Installation aus und welche Rolle spielt für Dich die Inszenierung und Präsentation Deiner Bücher und Fotografien für die Wirkung des „Buchwerks“?

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SP: Ich habe eine Wand mit schwarzem Tafellack gestrichen und darauf dann mit Kreide einige der Schriftzüge und Zeichen per Hand reproduziert und teilweise wieder verwischt. Da steckte vielleicht der Versuch drin, das Schreiben selbst nachzuvollziehen und somit ein eigenes „Bild“, ähnlich den Fotografien zu schaffen. Auf dieses Bild wurden dann drei gerahmte Fotografien gehängt, daneben lag das Buch. Es ist ja meistens in meiner künstlerischen Arbeit so, dass ich versuche, auch mit dem Raum, in dem die Installation präsentiert wird, zu arbeiten, in dem Fall bedeutete das, die Wand mit einzubeziehen.

KB: Du hast mir erzählt, dass das Buch nach wenigen Stunden, die es durch die Hände der Besucher_innen gewandert und damit benutzt worden war, fast auseinanderfiel. Gehört der Aspekt des Verfalls und die Spuren des Gebrauchs, die unweigerlich eintreten, wenn Bücher über einen langen Zeitraum regelmäßig oder auch in einem kurzen Zeitraum intensiv ertastet, gelesen und erblättert werden, für Dich zum Werk dazu? Wie stehst Du zu der Diskrepanz zwischen dem Wunsch, das frisch aus der Druckerei gekommene unberührte Unikat (oder auch Buch in geringer Auflage wie im vorliegenden Falle) so lange wie möglich zu erhalten und dem Anspruch, die Idee des Buches möglichst vielen Interessierten zugänglich zu machen? Was macht für Dich ein gutes Künstlerbuch aus?

SP: Ich war wirklich erstaunt, wie viele Leute das Buch durchgeblättert haben und dass es nach dem Eröffnungsabend schon ziemlich zerschlissen war. Das war jetzt nicht unbedingt geplant oder erwünscht. Was Deine Frage nach dem Künstlerbuch angeht, habe ich da keine festen Kriterien, aber ich mag Bücher, die konzeptuell oder experimentell sind. Als Beispiele würde ich Hanne Darboven, Martin Kippenberger oder Isa Genzken nennen.

KB: Wäre es für Dich denkbar, zukünftig das Buch in einer Vitrine auszustellen und daneben eine digitale Möglichkeit der Erschließung der Buchseiten (beispielsweise über Tablets, auf denen alle Buchseiten gescannt und damit das ganze Buch einzusehen ist) zu stellen? Was passiert dann mit der Haptik, dem Objekt Buch?

SP: Das würde, glaube ich, nicht zu der Arbeit passen. Durch eine Präsentation zum Beispiel in einer Vitrine würde das Buch so eine Erhöhung erfahren und zu etwas ganz Kostbarem stilisiert. Die Idee, ein Fotobuch zu machen, resultierte auch aus dem Wunsch die Bilder in einer Abfolge zu präsentieren, einen Blickrhythmus zu schaffen. Dazu gehört meiner Meinung auch, dass es eben nicht möglich ist, alle Bilder zeitgleich wahrzunehmen (so, wie es beispielsweise über Tablets oder Prints der Fall wäre).

KB: Beim ersten Durchblättern von here fällt eine formal-narrative Struktur ins Auge: das Buch beginnt mit Fotografien von leichten und lose über den Bildausschnitt verteilten Scratchings, abstrakt wirkenden Bildflächen, die mich an Cy Twomblys Spurenzeichnungen und an Tafelkritzeleien aus dem Schulalltag erinnern. Die auf den letzten Seiten des Buches abgedruckten Fotografien wiederum sind gefüllt mit einer Ansammlung von Linien, Schriftzeichen und Symbolen, die ein dichtes Netz bilden, das kaum mehr Untergrund freilässt. Hier denke ich viel eher an Jackson Pollocks eng neben- und dicht übereinander gelegte Farbspuren. Warum dieser formal-narrative Aufbau? Würdest Du hier von einem Spannungsbogen sprechen, der in der ästhetischen Verdichtung der Wandzeichnung seinen Höhepunkt findet?

SP: Es ist tatsächlich eher ein chronologischer Aufbau, der mit meiner Bewegung als Fotografin zusammenhängt. Ich bin sozusagen den Zeichen gefolgt von unten nach oben und vollziehe die Verdichtung in den Fotos nach. Die Bewegung des Fotografierenden hat mich auch in früheren Arbeiten schon interessiert. Das Umkreisen eines, die Annäherung an ein oder Entfernung von einem Objekt interessieren mich und ich mag den Gedanken, dass diese Bewegung auch für den Betrachter nachvollziehbar wird.

KB: Das Wort „here“ erzeugt meines Erachtens nicht nur durch dessen Verwendung als Buchtitel einen Zusammenhang in der Narration der Bilder, sondern auch aufgrund der Wiederkehr von „here/hier“ in den Bildern selbst. Der Begriff taucht mehrfach in den abgebildeten Wandzeichnungen auf („Wir sind hier! We were here!“) und wird von Dir prominent an den Schluss gesetzt, wo er in Form eines ganzen Satzes erscheint und gleichzeitig nicht erscheint, weil das „hier“ nicht mehr vollständig zu lesen ist, sondern nur mehr vom Betrachter/von der Betrachterin hinzugedacht werden kann. Dort heißt es „Wir waren h…r“. Warum hast Du Dich für das „here/hier“ als inhaltliche Klammer für das Buch entschieden? Die ans Ende des Buches gesetzte Fotografie bricht ja in gewisser Weise wieder mit dem zuvor erwähnten Spannungsbogen, da sich die hier zu sehende Wand nicht durch die starke Verdichtung der Zeichen, sondern durch den einen geschriebenen Satz auszeichnet.

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SP: Das „Wir waren hier“ ist für mich eigentlich der prominenteste Ausdruck eines jahrtausendealten Bedürfnisses der Menschen Spuren zu hinterlassen. Die kulturelle Praxis des Einschreibens und Einkratzens von Zeichen geht ja mit dem Wunsch einher, etwas an einem bestimmten Ort zu hinterlassen beziehungsweise sich die eigene Existenz an dem Ort zu vergegenwärtigen. Das Zeichen dient als Beweismittel und direkter Verweis auf den Urheber. Verlässt der Urheber den Ort, werden die Zeichen zu Botschaften seiner Abwesenheit. In dem von dir erwähnten letzten Bild im Buch steckt natürlich auch ein gewisses Pathos, nämlich, dass der Wunsch der Verewigung doch auch meist zum Scheitern verurteilt ist.

KB: Gab es für Dich Fotobücher oder Projekte anderer Künstler, die als Inspiration für here gesehen werden können? Falls ja, was hat Dich an Ihnen interessiert?

SP: Zu der Zeit als ich angefangen habe an here zu arbeiten war ich noch in einem Buchladen für Kunstbücher beschäftigt und habe mir erstmal das ganze Sortiment angeschaut in Bezug darauf, wie die Bücher aufgebaut sind, welchen Rhythmus gibt es usw. Im Zuge meiner Recherche bin ich auf die Fotografien von Brassai und Aaron Siskind gestoßen; die haben mich auf jeden Fall beeindruckt.

KB: Die Spuren, die Deine Fotografien dokumentieren, zeugen von einem Denkmal als sozialer Ort, der zur Kommunikation wie zur Verewigung der persönlichen Gedanken des Schreibers/der Schreiberin genutzt wird. In Zeiten von Twitter, unzähligen Blogs, Chat- und Messanger-Programmen gibt es vergleichbare digitale Orte, die ähnliche Plattformen für die Selbstdarstellung und den öffentlichen (wie geheimen) schriftlichen Austausch mit anderen Menschen bieten. Kann man diesen Vergleich Deiner Meinung nach überhaupt ziehen oder hinkt er unweigerlich, schon allein weil der Dom der Dom ist und nicht das täglich auf neue Nutzer-Nachfragen programmierte und ausgerichtete Internet? Hier werden die Worte oftmals nicht (mit Ruhe und Bedacht) wie in Stein gemeißelt, sondern in Sekundenschnelle hingetippt. Und – so schnell sie auch ausgesprochen sind – sind sie doch wie für die Ewigkeit bestimmt, denn das Internet vergisst ja nichts.

SP: Der Vergleich liegt natürlich nah. In meiner Diplomarbeit an der Folkwang Universität in Essen habe ich mich mit der Rubrik Missed Connections (Deutsch: Verpasste Gelegenheiten) auf der Website Craiglist auseinandergesetzt. Das waren Kontaktgesuche von Leuten in New York, die sich für einen kurzen Zeitraum auf der Straße oder in der U-Bahn begegnet sind und eine/r von beiden diese Begegnung wiederholen wollte. Ich habe diese Gesuche per Handschrift auf einen Schreibblock übertragen und dann fotografiert. Der Grund, warum ich das erzähle liegt darin, dass sich mein Interesse dann doch eher immer in einer analogen, physischen Form manifestiert. Der virtuelle Raum ist mir zu groß.

KB: Die Stärke Deines Buches sehe ich in dem Zusammenspiel zwischen der Konzeption des Buches – dem ästhetisch-formalen Aufbau, der eine bestimmte Narration vorgibt – und den „offenen“ Leerstellen innerhalb der Bildseiten und auf den Wänden, den Räumen zwischen den Linien und Zeichen, die über die abgedruckten Fotografien sichtbar werden. Sie bilden Ruhepole im Gewirr der Zeichen und stoßen zum Nachdenken wie zur Projektion eigener Gedankenbilder auf die Wand (und Bildseite!) an. Von ihnen ausgehend springt der Blick des Betrachters/der Betrachterin zu markanten Stellen und wieder zurück. Dann werden plötzlich „TIMO + MARIA = ♥“ real und treten in Form eines Liebespaares mit einer eigenen persönlichen Geschichte vor das innere Auge. „I HAVE A DREAM“ mag den einen an eigene Wünsche und Träume, den anderen an Martin Luther Kings berühmte Rede erinnern. Asiatische Schriftzeichen sprechen für die Anziehungskraft des Domes für Touristen aus aller Welt und andere nicht zu entschlüsselnde Symbole wirken wie Zeichen von einem anderen Stern. Wonach hast Du die Bildausschnitte ausgewählt? War die Aussagekraft einzelner Sätze oder eher die formal-ästhetische Wirkung einer ganzen Wandfläche ausschlaggebend? Oder vielleicht auch beides?

SP: Die Arbeit ist ja auch eine Annäherung an ein Klischee. Deshalb habe ich mich auch für den Raum, die Architektur, die Zwischenräume und architektonische Details interessiert. Auf einzelne Sätze habe ich mich eigentlich nicht so konzentriert eher auf den Raumeindruck oder die Überlagerungen der Zeichen. Die Lesbarkeit einzelner Sätze ist für manche Betrachter auch problematisch, da sie schon sehr banal sind. Mich interessiert aber auch das Banale, beziehungsweise wollte ich es auf keinen Fall absichtlich ausklammern. Ich finde in dem Fall auch eher den Gebrauch der Zeichen interessanter als deren Inhalt.

KB: Ein weiterer Gedanke, der mir in Bezug auf die Verdichtung der Zeichen und das gegenseitige Bezugnehmen dieser aufeinander sowie das Überschreiben von bereits vorhandenen Zeichen in den Sinn kam, ist das Bild des Wunderblocks. Wie soeben ausgeführt tritt der Dom in here als sozialer Ort in Erscheinung, der nicht nur von Pilgern und Gläubigen heimgesucht wird, sondern genauso von Liebespaaren, Cliquen, Familien, Menschen mit individuellen Wünschen („RUF Mal an“), Hoffnungen und Träumen („FREE TIBET“), die diese hier öffentlich zur Diskussion und Betrachtung stellen möchten. Der Dom wird zum Wunderblock, der immer wieder neu beschrieben wird und schließlich immer wieder neu gelesen werden kann. Mit jeder neuen Linie und jedem neuen Kommentar entstehen Bezüge, die das Ideen-Netz verdichten, und jede Überschreibung bringt eine neue Gedanken-Schicht hervor, auch wenn eine alte überdeckt wird. Deine Fotografien machen auf diese Bezüge zwischen Zeichen und Zeichengrundlage aufmerksam. Sie bringen Details aus der Struktur des Steins und der Architektur hervor (wie Gitter, Pfeiler, Lampen, Torbögen, Blütenkränze und Kelchformen) sowie den Duktus und die Konsistenz der verwendeten Stifte und Farben. Unebenheiten und Flecken auf dem Stein treten mit den Zeichen und Schriften auf der Wand in Austausch und sind in der Zweidimensionalität der Schwarzweiß-Fotografie nicht mehr voneinander zu trennen. Hast Du Dich aus dem Grund, eine möglichst flache Oberfläche zu erzeugen, für die Schwarzweiß-Fotografie entschieden?

SP: An das Konzept des Wunderblocks habe ich auch immer wieder gedacht. Die Überlagerung der Schichten, die eine eindeutige Entzifferung teilweise gar nicht mehr möglich machen, sondern nur noch Spuren von Botschaften enthalten kann man ganz gut mit dem menschlichen Gedächtnis vergleichen. Auch die Fotografie selbst als Medium des Festhaltens und Aufzeichnens spielt da mit rein. Mich lenkt die Farbigkeit oft ab, vor allem wenn es einzelne Elemente gibt, die dann herausstechen. Es stimmt, dass in den Schwarzweiß-Fotografien alles flächiger wirkt, teilweise auch etwas rätselhafter.

KB: Zum Schluss möchte ich noch eine Assoziation einbringen, die ich beim mehrmaligen Durchblättern des Buches hatte: Mir schien, als würde man mit dem Weiterblättern, den Dom nach oben bis zur Spitze hochlaufen, da am Ende des Buches auch die Pfeiler und der Blick nach außen auf die Stadt sichtbar werden. Dann wäre here auch dort, gleichzeitig unten und oben, innen und außen – und Köln.

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Das Gespräch fand am 04.10.2016 in Köln statt.

Stefanie Pluta ( geb.1980 in Bobingen) studierte Fotografie an der Folkwang Universität in Essen und Mediale Künste an der Kunsthochschule für Medien in Köln. 2008 erhielt sie das Photo Global Stipendium für eine einjährige Residency an der School of Visual Arts in New York. Ihr künstlerisches Interesse bezieht sich auf Architektur, öffentliche Räume, Raumordnung und urbanes Leben.

Aktuelle und kommende Ausstellungen von Stefanie Pluta:

Time Capsule, Folkwang Galerie Verteilerebene Essen, Porscheplatz 2, 45128 Essen

28.9. – 14.10. 2016, Öffnungszeiten a, 8.10. und 14.10. von 14-18 Uhr

Urban Peep Show, Baustelle Schaustelle Essen (Januar 2017)

Weitere Infos siehe Website: www.stefaniepluta.tumblr.com

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