Drei Fragen an...

Stefan Kirste: FÜR IMMER

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Ein Interview zwischen den Kulturmanagerinnen Karoline Köber (KK) und Isabell Wiesner (IW) mit dem Fotografen und Kommunikationsdesigner Stefan Kirste (SK) über sein Fotobuch FÜR IMMER (2015) für www.on-artbooks.com

Fakten zum Buch
Titel: FÜR IMMER
Jahr: 2015
Bindung: Hardcover, Fadenheftung
Seiten: 90
Fotografie: farbe 71
Auflage: 9 (Neudruck ist geplant)
Druck: Digitaldruck

KK: Wir kommen heute zusammen, um über Dein Fotobuch FÜR IMMER zu sprechen, das gleichzeitig Dein Abschlussprojekt als Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin (Weißensee) ist. Dein Fotobuch zeigt Bilder, die im Zeitraum von 2005–2015 in Berlin-Marzahn entstanden sind. Worum geht es genau?

SK: FÜR IMMER ist die Geschichte von Kai und dessen Jugend in der ostdeutschen Großstadtperipherie. Das Buch behandelt auf einer persönlichen Ebene die Thematik des Erwachsenwerdens, die Veränderung von Orten sowie die Erinnerungen und Geschichten, die mit diesen Orten verbunden sind.

KK: Die Arbeit besteht nicht nur aus Fotografien…

SK: Nein, es gibt auch Texte, die für die Arbeit wichtig sind. Bilder und Texte bilden in meinem Fotobuch zwei miteinander kombinierte Formen des Zugangs.

KK: Der Geschichte von Kai werden Fotografien von abgelegenen Orten gegenübergestellt, darunter Innenhöfe, Seitenstraßen, verborgene Plätze und Hauseingänge. Muss ich mir so ein Aufwachsen in Marzahn vorstellen? Abseits vorgegebener Wege?

SK: Naja, nicht zwangsläufig. Diese Orte existieren zwar, für die meisten Menschen haben sie jedoch keine besondere Anziehungskraft. Es sind einfach Durchgangsorte. Ein wesentliches Motiv bei FÜR IMMER ist der Hunger, die Welt abseits der vorgegebenen Pfade zu entdecken. Kai und seine Freunde wollen diesen Hunger stillen, indem sie sich neugierig an diese Orte begeben und sie sich aneignen.

KK: Du bist selbst in Marzahn aufgewachsen…trägt die Geschichte autobiografische Züge?

SK: Ich bin nicht Kai. Dennoch gibt es viele Parallelen bzw. Ähnlichkeiten zu Situationen, die ich erlebt oder beobachtet habe. Meine Kindheit und Jugend habe ich im Marzahn der 1980er- und 1990er-Jahre verbracht. Besonders die Nachwendezeit war sehr prägend für mich. Im Buch FÜR IMMER verzichte ich jedoch bewusst auf eine zeitliche und örtliche Einordnung. Es gibt lediglich ein paar Hinweise. Es ist nicht wichtig, ob Kai in Berlin-Marzahn, Rostock-Lichtenhagen oder Leipzig-Grünau aufwächst. Das sind alles ostdeutsche Plattenbaugebiete, die eine ähnliche Entwicklung durchlebt haben. Die Architektur hat dabei generell einen konkreten Einfluss auf das Erwachsenwerden. Sie generiert spezifische Räume für die Jugendlichen und wird selbst in etwas transformiert, das mit Bedeutungen und Erinnerungen aufgeladen ist.

KK: Im Hinblick auf den Marzahndiskurs stellt sich schnell die Frage, ob Du FÜR IMMER als Statement zum Bezirk Marzahn und den damit verbundenen Utopien konzipiert hast, als Kommentar zum Stereotyp der tristen Betonwüste… Wie siehst Du das?

SK: Die angesprochene Tristesse empfindet Kai nicht. Er will raus in die weite Welt, nicht raus aus der angeblichen Tristesse. Für Außenstehende wirkt es möglicherweise fremd, wild oder öde. Das heißt aber nicht, dass Kai keine schöne Kindheit und Jugend gehabt hat. Daher auch der Titel. FÜR IMMER ist der Schwur einer für immer währenden Freundschaft. Diesen kompromisslosen und bedingungslosen Zusammenhalt gibt es vermutlich so nur in dieser Lebensphase. Die Pubertät prägt viele Menschen für das gesamte Leben. Alles scheint so groß und bedeutungsvoll. Die ganze Welt liegt vor einem und will erobert werden. Sowohl in den Texten als auch in einem Foto ist dieser Schwur zu finden. Auch wenn sich diese Freundschaft später vermutlich verändern wird, bleiben die Erinnerungen an diese Zeit und die damit verbundenen Orte für immer bestehen. Darum geht es.

IW: Die verwendeten Bilder stammen aus Deiner Fotosammlung, deren erste Aufnahmen 2005 entstanden sind. Funktioniert FÜR IMMER für Dich als eine Art persönliches Erinnerungsarchiv?

SK: Als ich Anfang der 2000er-Jahre aus Marzahn weggezogen bin, begann ich damit, immer wieder zurück zu kommen und für mich prägende Orte zu fotografieren, nach und nach dann auch andere Orte, die eine ähnliche Anziehung auf mich ausübten. Ich entdeckte den Bezirk neu. Gleichzeitig schloss ich durch das Fotografieren mit einer bestimmten Zeit ab. Ich konnte Abschied nehmen. Das musste ich auch, weil sich im Laufe der Jahre die Orte stark veränderten. Viele von ihnen, die in dem Buch zu sehen sind, existieren heute so nicht mehr. Aus dieser Perspektive stellt FÜR IMMER tatsächlich eine Art Erinnerungsarchiv dar. Die Idee für mein Fotobuch entstand jedoch erst, nachdem ich bereits mehrere Jahre in Marzahn fotografiert hatte. Ab dem Moment war es wichtig, mich von dieser persönlichen Ebene zu lösen und eine eigenständige künstlerische Arbeit zu entwickeln.

IW: In Deinem Buch gehen Aspekte des Fiktionalen in ein Spannungsverhältnis mit der zurückhaltenden, dokumentarisch anmutenden Darstellungsweise. Für Deine Geschichte sind die Fotografien dennoch zentral. Sie zeigen verlassene, oft triste Gegenden – hier und da Graffiti, menschenleere, breite Straßen, aufgerissene Zäune und verrostete Geländer. Sie wirken wie Schauplätze. Warum hast Du Dich genau für diese Bildauswahl entschieden?

SK: Ein wichtiges Kriterium für die Bildauswahl war, dass keine Menschen zu sehen sein sollten. Sie wirken auf mich wie ein Störfaktor. Es geht um Orte. Die Menschen entstehen erst durch die Texte in der Vorstellung der Betrachter. Die Bildauswahl ist außerdem meiner Entwicklung als Fotograf innerhalb der letzten 10 Jahre geschuldet. Es gibt eine Reihe von Fotos, die ich aus nostalgischen Gründen großartig finde, die jedoch technisch nicht meinen Ansprüchen gerecht werden oder zu stark von der Gesamtbildsprache abweichen.

IW: Durch die Geschichte von Kai und die eingeflochtenen Songtitel, die als Überschriften der einzelnen Textabschnitte dienen und sich quer aus den Buchseiten schieben, gibst Du den Leser*innen eher eine sequenzhafte Wahrnehmung Deiner Bilder vor.

SK: Bilder und Texte müssen aber nicht zwingend chronologisch betrachtet oder gelesen werden. Die Textfragmente funktionieren, meines Erachtens, auch für sich, als Miniaturen. Die Beziehung zu den Fotos generieren die Betrachter dann selbst.

IW: Ich möchte noch einmal nach dem Stellenwert der Texte in Deinem Fotobuch fragen …

SK: Die Texte sind sehr wichtig. Auch wenn es nur kurze Fragmente sind, die Stimmungen oder Situationen skizzieren, ermöglichen sie einen Zugang zu den Protagonisten. Bei Fotos von Plattenbauten sind die Klischeevorstellungen natürlich immer sehr präsent. Das Bild von Jugendlichen, die auf dem Notbalkon des Treppenhauses im 19. Stock rauchen, kann nicht jeder nachempfinden. Die scheinbar unüberwindliche Aufregung beim ersten Kuss kennt aber jeder. In dem Moment weiß jeder, wie Kai sich fühlt. Plötzlich schaut man nicht mehr von außen auf einen tristen Stadtteil, sondern sitzt wie Kai im Zimmer vor seiner Jugendliebe Anja. Die Songzitate sind eine weitere Ebene, um einen emotionalen Zugang zu Kais Welt zu schaffen. Sie sind nicht zufällig ausgewählt. Wer die Songs kennt, assoziiert mit ihnen vermutlich eine bestimmte Zeit, Szene, eigene Empfindungen. Bei einer Ausstellung im letzten Jahr hat jemand einige Titel sofort erkannt. Für ihn waren das die Hymnen seiner Jugend. Das hat wunderbar funktioniert. Wenn die Songs nicht erkannt werden, sind es einfach Kapitelüberschriften.

IW: FÜR IMMER ist bereits Deine zweite fotografische Arbeit, bei der Du Dich für das Medium des Fotobuches entschieden hast. 2013 hast Du bereits ein Buch über die MMA-Szene veröffentlicht. Warum ist gerade die Form des Fotobuches wichtig für Deine Arbeit? Siehst Du es als eine Form der mobilen Fotoausstellung oder eher als eigenständige Ausdrucksform?

SK: Das Fotobuch ist im Gegensatz zur Ausstellung nicht so kurzlebig, sondern ein abgeschlossenes Werk, das dauerhaft existiert. Es ist als gestaltetes Objekt eigenständig. Für mich ist die Frage, warum analog und nicht digital, allerdings viel spannender. Das Fotobuch hat eine ästhetische Komponente, die sich von digitalen Präsentationsformen unterscheidet. Wir betrachten die Fotos in Fotobüchern ganz anders als Fotos in Online-Klickstrecken oder auch in einer begehbaren Ausstellung. Grundsätzlich haben aber beide Formen, also das Fotobuch und die Ausstellung, ihre Berechtigung. Das wird letztlich durch den Inhalt bestimmt.

KK: Nun bist du teilnehmender Künstler beim Kunstfestival ACHT TAGE MARZAHN vom 1. bis 8. Juli 2017 entlang der Marzahner Promenade in Berlin-Marzahn. Wie wirst du Dein Buch dort präsentieren?

SK: Bei ACHT TAGE MARZAHN werde ich Fotos und Texte aus dem Buch hängend in einer Ausstellung präsentieren und sie dafür neu zusammenstellen. Das Buch wird ebenfalls dort zu sehen sein. Angedacht ist außerdem ein Gesprächsabend, bei dem ich meine Arbeit vorstellen werde.

Das Gespräch fand am 5.Mai in Berlin statt.

Stefan Kirste (1983 in Berlin geboren) studierte Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin Weißensee (KHB) und Freie Kunst an der Trondheim Academy of Fine Art.
Sein Diplom erhielt er 2013 an der KHB mit dem Fotobuch »3 mal 5 Minuten – Mixed Martial Arts«. Das Fotobuch »FÜR IMMER« entstand im Rahmen seines Meisterschülerstudiums bei Alex Jordan an der KHB, das Stefan Kirste 2015 abschloss. Stefan Kirste lebt und arbeitet als freiberuflicher Kommunikationsdesigner und Fotograf in Berlin.

Kommende Ausstellungen von Stefan Kirste:
ACHT TAGE MARZAHN. Das Kunstfestival vom 1. bis 8. Juli 2017 in Berlin-Marzahn, Marzahner Promenade, Vernissage: 1. Juli 2017, 16 Uhr, www.acht-tage-marzahn.de

Weitere Infos siehe Website:
www.stefankirste.de
hallo@stefankirste.de

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