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Pierre Gonnord

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Die Porträts von Pierre Gonnord zielen auf das allgemein Menschliche. In großformatigen, malerisch wirkenden Farbfotos zeigt der in Frankreich geborene und in Spanien arbeitende Fotograf Menschen vom „Rande der Gesellschaft“, die würdevoll, ernst und stolz in die Kamera blicken. 2005 stellte das Maison Européenne de la Photographie seine Arbeiten erstmalig in Paris aus. Der die Ausstellung begleitende Katalog mit dem schlichten Titel Pierre Gonnord vereint Porträtfotografien aus verschiedenen Ländern, darunter Japan und Spanien und gibt einen guten Einblick in Gonnords Werk.

Kevin, 2005

Kevin, 2005

Die Porträts sind eine Mischung aus Dreiviertelprofilen vor schwarzem Hintergrund und Halb- bis Ganzkörperabbildungen. Meist blicken die Modelle direkt in die Kamera, bei anderen verweist der Hintergrund auf die Aufnahmesituation. Direkt zu Anfang begegnen wir beispielsweise Jules, dessen Gesicht gerahmt wird von einem wallenden Bart. Im Hintergrund ist ein Brett erkennbar, Teile eines goldenen Rahmens dienen als Umrandung. Stilistisch bedient sich Gonnord eines reichen Fundus historischer Vorbilder der Renaissance und des Barock. Dies zeigt sich sowohl an Bezügen wie dem goldenen Rahmen, als auch an den starken hell-dunkel Kontrasten und zarten Farbschattierungen in Rot und Grün, welche, wie bei Javier, die Gesichtskonturen seiner Modelle zum Blickfang machen. Spanische Meister der Malerei von Francisco de Zurbarán bis Goya standen hier Pate für einprägsame Bildfindungen.

Jules, 2004

Jules, 2004


Javier, 2004

Javier, 2004

Neben diesen eher inszenierenden und malerischen Qualitäten zeichnen sich Gonnords Fotografien durch einen genauen Blick aus, der die Fähigkeiten des Mediums zur detailreichen Abbildung nutzt. Fast schon hyperrealistisch sind die Falten und Runzeln sichtbar, die sich in Javiers Gesicht eingeschrieben haben; hier wird gelebtes Leben als solches gezeigt. Es ist diese besondere Mischung aus Genauigkeit und malerischem Stil, die Gonnords Porträts eine überzeitliche Qualität verleiht. Die Reduzierung der meisten Porträts auf das Gesicht, den nackten Hals und die Schultern, verstärkt diesen Eindruck. Hinzu treten eine Reihe von Aufnahmen, die Gonnord während eines Stipendienaufenthaltes in Japan erstellt hat. Hier wird die kulturelle Einbindung des Körpers thematisiert, wenn geschminkte Gesichter oder tätowierte Haut im Vordergrund stehen. Eine Reihe von Porträts am Ende des Buches zeigen Menschen in Badekappen. Was zunächst seltsam erscheint, reiht sich sowohl farblich als auch motivisch schlüssig in die Bildabfolge ein. Das Besondere scheint im Alltäglichen durch.

Onnagata II, 2003

Onnagata II, 2003


Sonia II, 2000

Sonia II, 2000

Ob Javier, Kevin oder Sonia – in der seriellen Reihung wird der Blick zum Angelpunkt der Aufnahmen. Die „Bewegung“ des Betrachters durch das Buch erhöht, diesen Effekt, da das Bild jeweils auf der rechten Seite platziert ist, den Blick stets in etwa auf der gleichen Höhe. Bei allen Verschiedenheiten in Alter, Aussehen und Geschlecht postuliert der Blick eine gemeinsame menschliche Basis. In dieser humanistischen Tendenz erinnern Gonnords Fotografien inhaltlich fast an Aufnahmen der Farm Security Administration oder Sebastiao Salgados. Durch die offensichtliche und konsequente Nutzung malerischer Aspekte wirken sie jedoch weniger moralisch. Wenn sich auch, insbesondere bedingt durch die spanische Wirtschaftskrise und durch die von Gonnord selbst postulierte Herkunft seiner Modelle vom „Rande der Gesellschaft“ dieser Aspekt durchaus gesellschaftskritisch lesen lässt. Vielmehr als eine politisch ambitionierte Aussage ist es jedoch das kurzfristige Eintauchen in fremde Lebenswelten, die scheinbare zwischenmenschliche Begegnung mit dem unbekannten porträtierten Gegenüber, welche Gonnord über seine Kamera vermittelt.

Der Blick dient hier sowohl als klassisches Fenster in die Seele des Menschen als auch als direkte Ansprache an den Betrachter. Welche Geschichte überliefert das Porträt von Jules? Was verbirgt es? Nicht nur die Ausleuchtung und Farbgebung dieser Körper erscheint dabei barock – auch thematisch klingt in der inneren und äußeren Bewegung ein Ideal des Barock an. In der Zusammenschau von Gonnords Porträts ergibt sich ein ernstes, duchdringendes und in gewisser Weise zauberhaftes Bild des Menschlichen, das uns in Jedem und Jeder begegnen kann. Eine in Zeiten, in denen medienwirksam eher das Bedrohliche und Andersartige des Nicht-Bekannten betont wird, nachdenklich stimmende Botschaft.

Pierre Gonnord, Katalog, Maison Européenne de la Photographie, Paris 2005. Mit einem Text von Jean-Luc Monterosso. 24 x 25,3 cm. 70 S. mit 28 ganzseit. Farbfotos. Klappenbroschur. Text in englischer, spanischer und französischer Sprache.

Gibt es auch bei hier bei artbooksonline.eu

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