Drei Fragen an...

Peter Piller

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Der Künstler Peter Piller fotografiert, zeichnet, sammelt, archiviert und kategorisiert. Tausende von Bildern stellt er zu Projekten zusammen, die von „schlafenden Häusern“ und „schießenden Mädchen“, aber auch von „Pfaden“ und „Stromleitungen“ erzählen, um nur einige seiner poetisch-lakonisch bis nüchtern beschreibenden Kategorisierungen aufzugreifen. Anlässlich der Neuauflage seines bekannten Buches Von Erde schöner haben wir uns mit Peter Piller an den runden Tisch gesetzt.

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Jule Schaffer: Peter, Du arbeitest mit gefundenen Fotografien und fotografierst auch selbst – wie bist Du zur Fotografie gekommen?

Peter Piller: Ich habe Kunst studiert und war damals als jemand, der viel selbst fotografiert hat, eher in der Minderheit. Auch weil ich bei Franz Erhard Walther studiert habe, der selbst nicht fotografiert hat. Ich habe trotzdem fotografiert, schon immer. Was mich beispielsweise am Medium Fotografie fasziniert: Es steht eine Absicht hinter dem Fotografieren, aber gleichzeitig erzählt sich die Realität so mit, etwa wenn jemand durchs Bild läuft. Es gibt verschiedene Erzählungen, die in diesem Moment zusammen kommen und sich dann materialisieren, das ist etwas Tolles.
Ich habe immer versucht, mich in meiner Arbeit relativ wenig an so etwas wie einem Zeitgeist zu orientieren; nicht an dem, was ich sehe, sondern eher an dem was mir auffällt. Auch als ich später angefangen habe zu sammeln, habe ich nicht nach einem repräsentativen Bild gesucht, sondern eher nach einem, was mich als Person anspricht. Es ist also stets ein persönlicher Zugang.

JS:
Wie hast Du diesen persönlichen Zugang in Bezug auf das Archivarische für Dich entdeckt, in Form von gefundenen Fotografien? Du hast damals in einer Agentur gearbeitet…

PP: Das mit dem Sammeln begann als ich viele Wanderungen gemacht habe – also künstlerische Projekte in Form von Umwanderungen von Städten, bei denen ich unter anderem fotografiert habe. Ich hatte das Bedürfnis eine Art Bild herzustellen, das diese Atmosphäre repräsentiert, Leerstellen zwischen den Häusern, undefinierte räumliche Situationen. Keine Objekte, die im Zentrum des Bildes stehen, sondern – wenn überhaupt – dann am Rand.
In dieser Zeit habe ich in einer Agentur mit Zeitungsbildern gearbeitet. Mir fiel auf, dass es etwas in dieser Regionalzeitungsfotografie gab, das dem, was ich versuchte, ganz ähnlich sah. Beispielsweise Fotos von künftigen Bauflächen. Also habe ich angefangen, diese Bilder zu sammeln. Das hat sich mit der Zeit verselbstständigt, da ich das Material sowieso auf den Tisch bekam und noch dazu die Arbeitszeit als Recherchezeit bezahlt wurde – eine wahnsinnig glückliche Konstellation.

JS: Du sagst, dass es Dir auch um die Leerstellen bei den Bildern ging, um einen möglichen Vorstellungsraum. Wie ist die Verbindung zu Deinem Archiv, in dem Du ja auch Kategorien anwendest, die weniger leerstellenhaft sind, bei denen man konkret Dinge sieht?

PP: Wenn ein Archiv wächst, musst Du es irgendwie sortieren, beginnst es zu benennen, es in verschiedenen Ordner zu sammeln – bis plötzlich eine Systematik entsteht. Ab dann wird es ein planvolles Tun, nicht mehr nur so ein Reflex ‚Ich nehm das jetzt mit!‘. Und das musst du auch machen, weil sonst kannst Du damit nicht arbeiten. Allerdings gibt es in dem Zeitungsprojekt noch die „ungeklärten Fälle“ ganz hinten im Buch: Das sind die Bilder, die ich spannend fand, die sich aber der Kategorisierung widersetzt haben. Insofern ist da auch noch ein Rest Unordnung erhalten.

JS: Und dieses Assoziative ist ja etwas, das Du dann in den Kategorien auch wieder aufgreifst: Teilweise sind es eindeutige Kategorien, etwa die „Pfade“, aber es gibt ja auch andere, die eher Handlungen beschreiben.

PP: Genau. Wenn man sich mit Archiven auseinandersetzt, bildet sich das Archiv ja nicht dadurch ab, dass ein bestimmtes Material versammelt ist, sondern dadurch, dass dieses nach einem bestimmten System kategorisiert worden ist. Das Interessante am Archiv ist immer die Frage: Wie ist es organisiert? Darin drückt sich eine Sicht auf die Welt aus – und damit zu arbeiten fand ich wahnsinnig spannend. Das Schöne an meinem Beruf ist, ich bin keiner Realität verpflichtet. Ich benenne eine Sache anders als jeder sie benennen würde und sage damit: Nein, da geht es gar nicht um „das“, sondern um etwas anderes. Indem ich einen Widerspruch zwischen dem Sichtbaren und der Benennung aufmache, kann ich die Art und Weise steuern, wie die Leute auf etwas schauen. Oft spielt Humor eine Rolle – eine Art von Humor, der länger andauert oder länger braucht, bis es überhaupt losgeht. Allerdings gibt es bei all den Bilderbergen, durch die ich gegangen bin, auch ganz viel, was nie verwendet wird. Ich stelle nie das ganze Material aus, sondern immer eine Auswahl.

JS: Das ist mein Stichwort um auf das Buch Von Erde schöner einzugehen. Es sind Bilder aus einem Luftbildarchiv: Eine Firma hat Häuser von oben fotografiert, um sie den Bewohnern zu verkaufen.

PP: Ja so etwas gab es viel in den 1980er-Jahren. Ich habe mich natürlich auch für dieses Projekt interessiert, weil es das Deutschland meiner Kinder- und Jugendtage ist, was da abgebildet ist. Da gibt es z.B. ein Wahlplakat auf der Litfaßsäule – Details, die es für mich zu entdecken gab und die immer wieder Assoziationen ausgelöst haben.

Bernd Detsch: Ich bin mir sicher, dass fast jeder in seinem Haushalt so ein Foto hatte.

PP: Darin äußerte sich der Stolz der Leute. Warum ist ein Haus plötzlich für die eigene Biografie so wichtig? Das hat natürlich mit dem Krieg zu tun, in dem vorher alles zerstört worden ist. Es ist eine Wiederaufbaugeschichte. 2002 wollte die Firma die Bilder dann loswerden und hat sie mir geschenkt. Und auf einmal hatte ich 18 Umzugskisten voll Material herumstehen, in einem 10 Quadratmeter Atelier. Diese Bilder habe ich dann sechs Mal gesichtet: Wann fängt es an, interessant zu werden? Wann langweilig? Erst hatte ich 20.000 Bilder, dann 500 bei denen ich dachte: Da ist vielleicht was.

JS: Und woher kommt der Titel Von Erde schöner?

PP: Als Inspiration lese ich im Umkreis vom Material, das heißt Bildunterschriften oder Artikel, bis ich bei irgendeinem Begriff hängen bleibe. In diesem Fall standen auf den Rückseiten der Papierabzüge Notizen zum Verkaufsgespräch. Der Verkäufer hat also bei den Leuten an der Tür geklingelt und jemand hat gesagt, er braucht kein Bild von seinem Haus, weil das sei von Erde betrachtet schöner. Und das fand ich als Titel schön. Es gab noch ein paar andere gute Bildrückseiten, ich hätte locker drei gute Titel nehmen können. So etwas wie „Das Haus war zu teuer, ich kann mir kein Bild mehr leisten“. Teilweise waren sie auch richtig grimmig. Also es gab wirklich tolle Funde.

JS: Du lehrst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und hast selbst schon viele Bücher gemacht – was sind Deine Kriterien für ein gutes Buch? Wann funktioniert ein Buch mit Bildern als Photobuch?

PP: In der Regel funktioniert es dann, wenn die Person, die es macht, begriffen hat, dass sie sich im Medium Buch befindet und nicht versucht, irgendetwas ins Buch zu übersetzen. Dann sind schon einmal ganz gute Voraussetzungen geschaffen. Also wenn man nicht glaubt, man müsste eine Ausstellung repräsentieren, sondern sich darauf einlässt, dass ein Buch ein bestimmtes Papier, eine bestimmte Größe hat, dass die Bildabfolge wichtig ist – wenn auf solche Sachen Wert gelegt wird, das Buch nichts repräsentieren soll, sondern eigenständig ist.

JS: Gibt es denn ein Buch, das Dir besonders im Gedächtnis haften geblieben ist?

PP: Ich habe eher viele, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll… nicht immer finde ich alle Bücher eines Künstlers gut. Zum Beispiel finde ich viele Bücher von Richard Prince ganz toll, er ist ein super Künstler. Und trotzdem gibt es Richard Prince Bücher, die möchte ich nicht mal geschenkt haben. Es ist nicht jedes Buch ein Treffer, das leistet niemand. Allgemeine Regeln finde ich schwierig, und auch problematisch, so etwas überhaupt formulieren zu wollen. Wir könnten aber jetzt ein Buch angucken und ich könnte sagen: Das gefällt mir, das nicht.

JS: Dann nehmen wir doch direkt einmal Von Erde schöner – beispielsweise ist die neue Auflage ja jetzt in Broschur gedruckt, was war der Grund für diese Entscheidung?

PP: Das Buch ist vor über 10 Jahren als Hardcover herausgekommen und es war klar: Der Neudruck soll sich davon unterscheiden. Zudem gab es ganz viele Leute, die das Buch haben wollten und es war antiquarisch nur noch sehr teuer zu kriegen. Es war mir wichtig, dass die zweite Ausgabe benutzbar ist und nicht so edel daher kommt, sondern eher alltäglich. Das Wesentliche an diesem Buch ist eigentlich, dass man es aufschlagen und sehen kann: Das ist ein Buch mit Häusern drin. Dieses Buch funktioniert nur, wenn der Leser/die Leserin sich die Mühe macht zu sehen: „Das ist ja nicht nur ein Haus, sondern das ist ein Haus mit einer Grube und auf der nächsten Seite gibt es auch eine Grube und…ah ich befinde mich hier bei den Gruben.“ Und so geht es weiter in dem ganzen Buch. Es sind ganz viele Erzählungen verborgen, aber sie drängen sich nicht auf und sind leicht zu übersehen. So etwas funktioniert in fast jeder Form, es braucht aber eine gewisse Größe.

JS: Jedes Bild hat ja seine eigene Seite, es gibt keine Raster, von, sagen wir, 10 Bildern. Ist das auch der Größe geschuldet oder wäre das einfach schon zu vorgefertigt?

PP: Es ist schon eine lineare Erzählung, die von einem Punkt zum nächsten geht, bei der man sich an Sachen erinnern kann, die man vorher gesehen hat, vielleicht auch mal zurück blättert, in jedem Falle versteht, in welcher Kategorie man sich befindet, wann sich Kategorien überschneiden, vielleicht noch einmal Zusätzliches entdeckt. Man hätte auch Kapitel bilden können, mit Kapitelüberschriften, dann würde man direkt erkennen, was gemeint ist – aber das wollte ich ja gerade nicht. Ich bin an Missverständnissen genauso interessiert, wie am Verstehen. Das zieht sich durch alle meine Arbeiten.

BD: Wie hättest Du denn gern, dass andere diese Werkgruppe in Deiner gesamten Arbeit verorten? Sie sticht ja schon heraus, auch weil sie so populär ist.

PP (lacht): Naja, es gibt immer wieder Momente in meinem Leben, in denen ich mich frage, ob ich noch einmal so ein gutes Buch hinbekomme! Ich habe sehr lang daran gearbeitet und würde auch nach 10 Jahren an der Abfolge nichts ändern, finde immer noch alle Entscheidungen richtig – das ist oft anders. Und vielleicht ist es auch mein Lebensbuch, vielleicht kommt kein Besseres mehr.

Eine Gegenbewegung ist allerdings, dass ich in den letzten fünf Jahren sehr viel mehr selbst fotografiere und auch Projekte gemacht habe, die nur eigene Fotografie sind, etwa das LKW-Rückplanen-Buch. Normalerweise schließe ich ein Projekt mit einem Buch ab, aber auf dem Weg hierher habe ich noch zwei weitere LKW-Planen fotografiert, es macht einfach Spaß!

Wir danken Peter Piller für das Gespräch!

Von Erde Schöner gibt es bei artbooksonline.eu, ebenso wie die Vorzugsausgabe dazu: Dem signierten Buch liegt in einer Stülpschachtel ein signierter Print bei.

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Bei seinem Besuch zum Interview hat Peter Piller einige Bücher aus dem Regal gezogen, die seine absolute Empfehlung genießen. Hier sind sie aufgelistet.

Mehr zu Peter Piller gibt es hier auf seiner Website.

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2 Kommentare

  1. Prof. Dr. Hans Reinhard Seeliger sagt am 6. Dezember 2017

    Sehr interessant, was da zum Projekt „Buch“ gesagt wird. Als jemand, der auf die Gestaltung seiner Bücher durch den Verlag, den er jeweils gefunden hat, angewiesen ist, staune ich über soviel Gestaltungswillen. Den Spielraum, der da voraus gesetzt wird, hatte ich nie…

    • Jule Schaffer sagt am 7. Dezember 2017

      Wir versuchen genau diesen Fragen nach dem möglichen Spielraum, dem Gestaltungspotenzial und der Frage, wer eigentlich gestaltet in verschiedenen Interviews nachzugehen. Ebenfalls zu empfehlen: Das Interview mit Rolf Sachsse in der Kategorie „Drei Fragen an“.

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