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Just Loomis: As We Are

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Zugegeben: Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um mich mit „As We Are“ von Just Loomis anzufreunden. Zunächst befürchtete ich, dass es bloß wieder eines dieser Schein-Dokumentationen über das ach so trostlose Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft ist, wie sie meiner Meinung nach zurzeit inflationär und ohne eigene Bildideen auf den Markt kommen. Doch beim wiederholten Anschauen merkte ich, dass ich im Unrecht war: Loomis‘ Bilder sind viel zu stark, um sie mit eben solchen Publikationen in einen Topf zu werfen. Auch fotografiert er keine Menschen am Rande der Gesellschaft, sondern mitten aus ihr – zumindest, wenn man sie so betrachtet, wie es John Steinbeck mit den Bewohnern der Cannery Row in „Die Straße der Ölsardinen“ tut: „Die Bewohner? Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer – es kommt nur auf den Standpunkt an.“

Dem 1957 in Reno, Nevada, geborenen Just Loomis ist mit dem Buch ein großer Wurf gelungen, denn es ist eben nicht bloß ein kleiner Ausflug an die Prekariatsperipherie. Der Porträt- und Modefotograf, der Assistent und Freund von Helmut Newton war und der lange für Zeitschriften wie „Harper’s Bazaar“ und „The New York Times Magazine“ tätig war, hat in den vergangenen vier Jahrzehnten immer auch an seinem eigenen, sehr erzählerischen Werk gearbeitet. Die 85 Aufnahmen zeugen von Direktheit und Zurückhaltung, von Ironie und Mitgefühl. Loomis ist nicht auf Sensationen aus, er sucht sich die ruhigen Momente im amerikanischen Alltag, die aber dennoch viel über das Leben der Abgebildeten sagen – oder zumindest über die Sichtweise des Fotografen auf sie.

Keinem Bild lässt sich nur ein Adjektiv zuordnen, immer geht es um (scheinbare) Widersprüche. Was fast alle Bilder und Loomis‘ Protagonisten eint, ist ihre Verletzbarkeit. Das merkt man vielleicht am deutlichsten bei Pete. Der liegt mit vernarbtem Oberkörper und Modellgesicht auf dem Bett. Dass er gar keine Beine hat, fällt erst auf dem dritten Blick auf. Und das Porträt vom unbekannten Mann mit dem furchtbar entstellten Gesicht nennt Loomis fast romantisch “ein Tag am Strand”.

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Kinder spielen ebenfalls eine große Rolle – mal sind sie nachdenklich, eingeschüchtert und fast erschrocken und starr, als würde schon auf den Teenagern eine große Last liegen, dann sind sie wieder leicht und verträumt und klettern auf Bäume – und ihr Absturz wird bereits angedeutet. Wenn man sich daneben dann das Bild der Tänzerin Danielle aus Las Vegas anschaut, die halbnackt und mit dem Kopf nach unten ihre erotische Showeinlage an einer billigen Kleiderstange vollführt, ist das natürlich fast schon zynisch: Was ist von der Unbeschwertheit der Kindheit geblieben? Und was ist aus dem Traum vom Fliegen und der großen Karriere geworden?

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Ganz ähnlich das Schwarzweiß-Porträt von Mel, die in einem Diner in Hollywood arbeitet und die unter Garantie Schauspielerin ist oder es zumindest gerne wäre. Ihr Blick verrät Neugierde, Schüchternheit, vielleicht auch Unwohlsein. Dabei verwendet Loomis keine großen formalen Kunstgriffe – er stellt niemanden bloß, die Personen behalten ihre Würde. Denn er behandelt sie wie Menschen, denen er offen und mit viel Liebe begegnet. Und das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen.

Just Loomis: „As We Are“, 120 Seiten mit 85 Abbildungen, fester Einband, Hatje Cantz, ISBN 9783775726368, gibt es bei artbooksonline.eu für 19,95€

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