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Larry Sultan: Pictures from Home

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Es ist interessant zu sehen, wie sich Larry Sultan in den vergangenen Jahren zu einem meiner absoluten Lieblingsfotografen entwickelt hat. Und zwar mit Büchern, die alle schon einige Jahr alt sind – schließlich ist Larry Sultan bereits im Dezember 2009 gestorben. Offensichtlich habe ich einige Zeit gebraucht, um wirklich mit seinem Werk warm zu werden – und mich schließlich in dieses zu verlieben. Allen Serien voran steht natürlich „Evidence“, dieses fotografische Manifest, das er 1977 zusammen mit Mike Mandel veröffentlicht hat und das ich bereits auf diesem Blog vorgestellt habe. Dann „The Valley“ von 2004 als fast zynischen Blick auf die kalifornische Pornoindustrie und zugleich auf die Doppelmoral der amerikanischen Mittelklasse, die ihre schick-spießigen Vorort-Villen für eben solche Filmproduktionen vermieten.

Und last not least eben „Pictures from Home“, das 1992 erschienen ist und das glücklicherweise nun von Mack Books in einer deutlich erweiterten Version wieder auf den Markt gebracht wurde. Für mich ist es ein Meisterwerk und das sage ich so deutlich sehr selten über ein Fotobuch. Das liegt sicherlich an meinem sehr persönlichen Interesse an den Themen des Buches, die da sind: Familie, Eltern, Herkunft und Erinnerungen, die Melancholie und die Limitierungen des Mediums Fotografie und der Versuch, dagegen anzuarbeiten. Letztendlich geht es um die verzweifelten Versuche der menschlichen Existenz, nicht zu vergessen. Und nicht vergessen zu werden.


Weil all das aber Themen sind, die viele Fotografen und Künstler aller Genres beschäftigen, löst dies alleine noch nicht meine Begeisterung, sondern höchstens mein Interesse aus. Was „Pictures from Home“ außergewöhnlich macht, ist das Zusammenspiel aus den eigenen wunderbaren, sensiblen, humorvollen, akkuraten und subtilen fotografischen Arbeiten Sultans mit gefundenen Familienfotos, Filmstills und Texten, die sicherlich zu den besten gehören, die überhaupt jemals von einem Fotografen geschrieben wurden. So präzise und einfühlsam er sich in seinen Fotografien mit seiner Mutter und seinem Vater und seinem Verhältnis zu ihnen beschäftigt, so sehr tut er es auch in seinen kurzen, persönlichen und literarischen Texten, Erinnerungen und Reflektionen.

So stellt sich Sultan die Frage, warum er seine Eltern immer wieder besucht, um sie zu fotografieren und ob es eher Liebe oder Soziologie ist, die ihn antreibt. Bis er eines nachts benommen und schmerzgeplagt aufwacht: „These are my parents. From that simple fact, everything follows. I realize that beyond the rolls of film and the few good pictures, the demands of my project and my confusion about its meaning, is the wish to take photography literally. To stop time. I want my parents to live forever.“


Diese unheimlich zärtliche Beschreibung des fragilen Umstands, den wir Leben nennen, spiegelt sich auch in den Bildern wieder. Gleich zu Beginn sehen wir eine Sequenz aus Standbildern aus alten Super-8-Familienfilmen, in denen wir Larry Sultan zusehen können, wie er als Kind durch einen Hula-Hoop-Reifen springt, den ihm sein Vater hochhält. Auf dem letzten Bild ist Sultan aus dem Bild verschwunden und wir sehen nur noch den leeren Reifen mit der Hand des Vaters – und innerhalb dieses Reifens den Schatten, den sein Vater auf dem grünen Rasen wirft.



Die Fotografien, die Larry Sultan über Jahre hinweg selbst von seinen Eltern angefertigt hat, sind hingegen von einer unglaublichen Klarheit, feinem Humor und einer distanzierten Vertrautheit ohne Hang zu Kitsch und Sentimentalitäten. Der Vater, der mit seinem Golfschläger in seinem Wohnzimmer stehend den Abschlag übt oder etwas ratlos am Rand eines leeren Swimming-Pools steht. Die Mutter im grünen Kleid im Türrahmen eines komplett grün eingerichteten Zimmers. Beide Eltern, wie sie farblich perfekt in weiß, grau und rot gekleidet, mit dem Kabel eines ebenfalls weiß-roten Staubsaugers im lichtdurchfluteten Wohnzimmer hantieren. Überhaupt immer wieder dieses grelle kalifornische Licht, das sich durch Vorhänge, Tageszeitungen und Sprinkleranlagen zu brennen scheint. Dann Situationen der Ruhe und Intimität im Garten oder im Pool, am Küchentisch und im Bett. Vollkommen unspektakulär und dennoch außergewöhnlich, fast filmisch.



Kein Wunder, dass das Bild des Vaters, der mit Anzug und Krawatte auf der Bettkante in seinem Schlafzimmer sitzt, Sofia Coppola zum Filmplakat von „Lost in Translation“ mit Bill Murray inspiriert haben soll. Eigentlich wirkt dieses Foto selbst fast schon wie ein Filmstill, was wiederum auch daran liegen könnte, dass Larry Sultans Vater Irving schon immer wie ein Filmstar und Frauenschwarm aussah. Er und seine nicht minder attraktive und elegante Frau Jean sind DIE Prototypen der scheinbar sorglosen amerikanischen Mittelschichts-Senioren aus der Reagan-Ära. Aber sie sind eben auch viel mehr als nur das. Für Larry Sultan. Und nun auch für uns.

Larry Sultan: „Pictures from Home“, 196 Seiten, MACK Books, 1992/2017, ISBN 978-1-910164-78-5
Gibt es auch hier bei artbooksonline.eu

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