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Julian Germain: For every minute you are angry you lose sixty seconds of happiness

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„Portrait of an elderly gentleman“ lautet der nicht minder schöne Untertitel dieses Bandes von Julian Germain, der 2005 bei MACK erschienen ist und 80 Seiten umfasst. Den porträtierten Gentleman Charles Snelling hat der Künstler durch Zufall und von Neugier getrieben kennen gelernt, als ihm dessen Haus und seine Andersartigkeit ins Auge fielen. Anders und besonders ist auch das Buch schon durch seinen stoffbezogenen Einband mit Blumenmuster, der es auf den ersten Blick und Griff gleichermaßen ansprechend wie auch zunächst ein wenig altbacken erscheinen lässt. Im Verlaufe des Buches lernen wir, dass der Einband der Tapete des Protagonisten nachempfunden wurde. Dieser ließ sich vom Künstler über einige Jahre fotografisch begleiten und hat für das Projekt darüber hinaus seine privaten Aufnahmen zur Verfügung gestellt.

Germain lädt den Leser ein, abwechselnd in die Rolle des in die Privatsphäre der Fotoalben eindringenden Betrachters sowie die des fotografierenden Freundes oder Gesprächspartners zu schlüpfen: Mal sitzt er Charles im Garten gegenüber oder hört mit ihm Musik, mal blättert er durch Urlaubsaufnahmen oder solche von Gärten und Parks. Dabei ist es insbesondere Charles‘ Frau, die wir immer wieder in der Vergangenheit im Garten, im Urlaub, im Park beobachten können, augenscheinlich im Hier und Jetzt seines Lebens jedoch vermissen. Diese offensichtliche Leere und das Gefühl des Verlustes werden von großartig komponierten, wie beiläufig erscheinenden Fotografien Germains unterstützt, in denen wir Charles einsamen Teller, sein Gesicht im Spiegel oder seinen leeren Küchenschrank sehen.

Dazu sind die Farben der Aufnahmen mal verblichen und abgestumpft, mal treten sie stark und fast grell hervor. Denn es erinnert nicht nur der Titel des Buches daran, die positiven Seiten des Lebens wertzuschätzen: So begleiten wir Charles auf seinem Ausflug zum Meer oder in den Park, essen mit ihm Eis oder hören Musik. Dabei ist es das Motiv der Blumen, das auf der Tapete, im Garten oder in der Vase wiederkehrt und verdeutlicht, dass die Freuden in der Vergangenheit wie auch der Gegenwart in den gleichen, nämlich den einfachen, Dingen zu finden sind.

Nicht nur diese Erkenntnis macht die Stärke des Buches aus: Die Mischung aus dokumentiertem Alltag und vergangenen Einblicken lässt eine Geschichte entstehen, die ohne Sprache auskommt. Ihre erzählerische Stärke liegt in den ungekünstelten und lebensnahen Fotografien, die gleichzeitig Einsamkeit wie auch Freundschaft, Verlust wie auch Akzeptanz und Vergangenes wie auch Gegenwärtiges schildern und dadurch auf verschiedenen Ebenen berühren.

Der 1962 in London geborene Fotograf Julian Germain, auch bekannt für seine 2012 erschienenen „Classroom Portraits“ aus aller Welt, entdeckte seine Leidenschaft für die Fotografie nach eigenen Aussagen bereits in der Schule und studierte unter anderem am Royal College of Arts in London. Auch seine weiteren Werke verbindet die Kombination aus eigenen, professionellen und konzipierten Aufnahmen und solchen aus privaten Fotoalben, die das Motiv selbst in den Vordergrund stellen.

Julian Germain – For every minute you are angry you lose sixty seconds of happiness, London: MACK Books 2014. Englisch. 80 Seiten mit 42 farb. Abb. 23,5 x 28 cm. 788 g. Fester Einband.

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