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Judith Joy Ross: Living With War

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Judith Joy Ross ist keine Kriegsfotografin. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Sie reist nicht mit drei Kleinbildkameras um den Hals in die Krisenregionen dieser Welt und dokumentiert in hektischen Aufnahmen Leid und Zerstörung. Und dennoch ist der Begriff nicht ganz falsch gewählt – immerhin hat Ross für „Living With War – Portraits“ drei Serien aus 30 Jahren zusammengetragen, die sich alle mit dem Verhältnis der Amerikaner zu ihren Kriegen in Vietnam, am Golf oder im Irak beschäftigten. Allerdings geht sie alle Serien in der für sie charakteristischen Art an, indem sie ausschließlich Porträts fotografiert – und die sind bei ihr durch und durch gesellschaftskritisch, denn sie bevorzugt amerikanische Bürger, die unmittelbar an der politischen Wirklichkeit ihres Landes Anteil nehmen. Ihr Interesse gilt der Einzigartigkeit des Individuums als Grundlage des geschichtlichen Prozesses. Damit steht sie im krassen Gegensatz zu August Sander und Diane Arbus, obwohl sie mit beiden häufig verglichen wird: Sander stellte das Individuum stellvertretend für eine ganze Gruppe und Bevölkerungsschicht dar, Arbus konzentrierte sich eher auf die Randgruppen, um sie dadurch als zur Gesellschaft dazugehörig zu definieren.

Das Buch beginnt mit ihrer ältesten Serie von 1983/84, für die sie in sich gekehrte Besucher des Vietnam-Mahnmals in Washington fotografiert hat. Der zweite Teil des Buches zeigt Soldaten, die sich 1990 auf den zweiten Golfkrieg vorbereitet haben, für den dritten Teil hat Ross schließlich amerikanische Irak-Krieg-Gegner auf Demonstrationen fotografiert.

Judith Joy Ross - Living with War 06Judith Joy Ross - Living with War 08Judith Joy Ross - Living with War 10Judith Joy Ross - Living with War 11Judith Joy Ross - Living with War 12

Judith Joy Ross - Living with War 10 Judith Joy Ross – Living With War. Portraits – 2008 (Innenansicht, S. 16 und S. 17 | S. 34 und S. 35 | S. 50 und S. 51 | S. 72 und S. 73 | S. 88 und S. 89 | S. 120 und S. 121)

Judith Joy Ross – Living With War. Portraits – 2008 (Innenansicht, S. 16 und S. 17 | S. 34 und S. 35 | S. 50 und S. 51 | S. 72 und S. 73 | S. 88 und S. 89 | S. 120 und S. 121)

Zwei Fragen waren für die 69-Jährige entscheidende Triebfedern: „Was macht das Leben lebenswert?“ und „Wie geht der Mensch mit Trauer und Schmerz um?“. Auslöser war 1981 der Tod des eigenen Vaters, und bei der Beantwortung der ersten Frage kehrte Ross immer wieder an die Orte ihrer eigenen Kindheit zurück. Im „Eurana Park“ machte sie die nach eigener Aussage erste ihr überhaupt geglückte Aufnahme: Das Bild zeigt drei Mädchen in Badeanzügen, die neugierig vor ihr stehen geblieben waren und unbekümmert an ihrem Eis lecken.

 Judith Joy Ross – Living With War. Portraits – 2008 (Innenansicht, S. 6 und S. 7)

Judith Joy Ross – Living With War. Portraits – 2008 (Innenansicht, S. 6 und S. 7)

Auch wenn dieses Bild zunächst nur wenig mit ihren Kriegsbildern zu tun hat, so steht es doch sinnbildlich für Ross‘ Vorgehensweise, denn ihre unhandliche Großformatkamera, die immer auch auf einem Stativ stehen muss, funktioniere wie eine Art Falle, sagt sie. Eine Falle, von der Kinder wie Erwachsene magisch angezogen werden. Gleichzeitig ist ihre Deardorff auch eine Entschleunigungsmaschine: Nach jedem Foto muss sie die Platte mit dem Film wechseln. Es ist genau diese distanzierte Nähe, die ihre Arbeiten auszeichnet und die so fasziniert. Ihre Modelle müssen still halten, müssen es ertragen, dass sie spontan von einer fremden Person fotografiert werden. Gleichzeitig will Ross die Menschen nicht quälen, wie sie sagt. Nur zwei, maximal drei Aufnahmen mache sie deshalb von jedem.

Judith Joy Ross - Living with War 14

Judith Joy Ross – Living With War. Portraits – 2008 (Innenansicht, S. 136 und S. 137)

Gemein haben ihre Bilder neben dem meist klaren Aufbau vor allem die extreme Unschärfe des Hintergrunds, vor denen sich die Personen gestochen scharf abzeichnen. Sie sind mit ihrer Trauer um die verlorenen Angehörigen und ihrer Wut auf die amerikanische Kriegspolitik auf sich allein gestellt. Außerdem haben all ihre Bilder eine anachronistische Farbigkeit, die kein reines Weiß und kein tiefes Schwarz erkennen lassen, dafür aber umso mehr Abstufungen dazwischen. Ross entwickelt ihre Fotografien ganz ohne Dunkelkammer: Das Negativ platziert sie auf ein spezielles Auskopierpapier in einem Kontaktrahmen und stellt diesen für zehn Minuten oder auch einige Stunden ins Tageslicht, wodurch sich das Bild auf dem Papier abzeichnet. Um es haltbar zu machen, wird es zusätzlich mit Goldchlorid getont, fixiert und gewaschen.

In Ausstellungen wirken ihre Fotografien deshalb überraschend klein – gerade einmal 20 mal 25 Zentimeter sind sie groß. Dass ihre Fotos in dem Buch die gleichen Maße haben, ist da absolut konsequent – für Ross gibt es nur dieses eine Foto in diesem einen Format.

Judith Joy Ross - Living with War 02

 

Judith Joy Ross – Living with War. Portraits. Hrsg. von Heinz Liesbrock. Göttingen 2008. 24 x 30 cm. 164 S. mit 85 s/w Abb. Fester Einband. Text in englischer Sprache.

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