Drei Fragen an...

Wilhelm Schürmann

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Der bekannte Fotograf, Kurator und Sammler Wilhelm Schürmann war zu Gast bei artbooksonline, um sein Buch „das nötig“ zu signieren. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um ihm ein paar Fragen zu stellen.

 

1. Herr Schürmann, was halten Sie vom aktuellen Hype um Fotobücher?

Wilhelm Schürmann: Dazu muss ich sagen: Den habe ich ja gar nicht mitbekommen. Das muss ich Ihnen jetzt glauben. Was ich mitbekommen habe, ist, dass viele extrem interessante Bücher in Mini-Auflagen entstehen, weil es die Möglichkeit gibt, sie selber zu produzieren. Nicht mehr das Geld ist die Grenze der Möglichkeiten, sondern die eigene Einfallskraft oder die Entschlussfreudigkeit, frei nach dem Motto: Das mache ich jetzt. Mehrere Fotografen, die ich sehr schätze, finanzieren sich durch kleine Auflagen, vielleicht durch 50 oder 100 Bücher. Davon können sie gut leben und die Bücher sind nicht sehr teuer – erstaunlich! Ich finde, das ist eine sehr interessante neue Marktentwicklung. Die Zugänglichkeit zu erhöhen, die Schwellenangst abzubauen, sich zu trauen… dieser Schritt in die Öffentlichkeit, der ist wichtig. Sich einer öffentlichen Kritik zu stellen, individuelle Wertvorstellungen miteinander zu vermitteln und auszutauschen.

2. Was ist Ihnen persönlich denn bei einem Fotobuch wichtig? Denken Sie als Fotograf über das Medium Buch nach?

WS: Ich sitze jetzt nicht da und denke über das Medium nach, nein. Für die eigene Arbeit ist es aber natürlich unabdingbar. Es gibt eigentlich ein Kriterium, nach dem ich selbst versuche, meine Bücher zu machen: Wie sehen die Bücher aus, die mich selber auch nach x-mal Anschauen nicht langweilen? Und wie muss ein Buch aussehen, das ich über Jahre immer wieder in die Hand nehme, ohne dass ich es leid werde? Das ist das Kriterium. Das hat natürlich auch mit der Abfolge der Bilder zu tun. Ich habe das gerne mit einer Musikkassette verglichen: Mich hat früher genervt, wenn ich in der Dunkelkammer stand und eine Platte oder eine Kassette hörte, dass man schon das nächste Stück wusste und unterbewusst mitsummte. Und dann kam der Zufallsgenerator, so dass das endlich aufhörte. Aber wie geht das bei einem gedruckten Buch? Da muss eine gedankliche Störstelle drin sein, die dieses lineare Erwartungsmoment unterläuft – dann bin ich zufrieden. Und die muss entweder in der Abfolge der Bilder sein oder in einem Bild selbst, das als Lösung nicht ganz aufgeht. Es muss eine Denkweise sichtbar werden. Vielleicht fängt da ja die Kunst an.

Interessant ist, dass ich, obwohl ich das über 40 Jahre mache, immer wieder neu anfange. Ich habe noch nie so viel ausprobiert: Mit der digitalen Kamera wird das Bild sofort überprüfbar, ich drücke den Auslöser, ich sehe das Bild auf dem Display und denke, nee, doch nicht. Es sind manchmal Millimeter, minimalste Unterschiede, die das eine zum Bild machen und das andere zur Belichtung reduzieren. Und ich dachte immer: Jetzt habe ich die Kriterien, jetzt kenne ich mich aus. Und dann macht man das nächste Bild oder Buch und fängt doch wieder von vorne an. Und das ist eigentlich das Beste.

In letzter Zeit fotografiere ich mit größter Freude Banalitäten. Und ich merke, dass ich auch von Fotografen eher Bilder aussuche, die ganz beiläufig scheinen. Ich weiß meistens, das Bild kann ich auch in sieben Jahren noch anschauen, das wird nicht langweilig. Ich war jetzt bei einer Künstlerin in Aachen, die diese frühen Papier-Taschentücher-Schachteln sammelt. Wir haben ein Foto gemacht und das ist richtig toll geworden, denn die Echtheit eines super banalen Momentes steckt darin. Ob das jetzt andere auch so sehen, ist völlig zweitrangig. Es wird sich mit der Zeit erweisen, ob das als Bild relevant ist oder nicht.

In den letzten Jahren ist die körpersprachliche Präsenz von Menschen im öffentlichen Raum meine große Freude in der Fotografie. Man geht über die Straße und denkt: Was ist denn hier los? Ich denke da immer auch an Pina Bausch. Sie hat so viel dem Leben abgeschaut. Ich sehe so viel im alltäglichen Leben, allein durch das Beobachten von Menschen. Solche „Little People“ möchte ich immer auch in meinen Büchern auftreten lassen. Bei meinen Büchern versuche ich auch immer, eine choreografische Linie hereinzubekommen, eine Skyline – das Buch ist dann der Raum. Die Blickrichtungen werden so eingesetzt, dass sie schon auf die nächste Seite führen, dass das Bild zum Umblättern anregt – das sind so Momente. Oder auch das Gegenteil.

Bernd Detsch (artbooksonline): Mich würde interessieren, inwieweit Humor bei Ihnen eine Rolle spielt. Es gibt Bilder, da musste ich laut lachen.

WS: Ja, Humor ist extrem wichtig. Das ist natürlich für mich wunderbar. Also meine Philosophie ist: Auch in Deutschland kann sich Erkenntnis in einem lauten Lachen einstellen.

3. Haben Sie denn ein Lieblings-Fotobuch oder -Kunstbuch?

WS: Hm… was wäre das… diese Einsame-Insel-Wahl, das habe ich bezogen auf ein Buch noch nie entschieden, nur für ein Kunstwerk. Das war für mich immer „Die Braut“ von Marcel Duchamp, das er 1912 in München gemalt hat. Das ist so ein Bild… einmalig, einfach nur unfassbar. Und ein Buch… also das zerschlissenste Buch, das ich zuhause habe, habe ich 1972 oder 1973 von Lustrum Press in zwei Exemplaren gekauft: Larry Clark – „Tulsa“. Das eine Exemplar ist völlig zerfleddert, mit einzelnen Seiten, aber noch komplett. Das andere ist immer noch original eingeschweißt. Das ist irgendwie witzig, das wir damals schon gesagt haben, wir kaufen das zweimal.

BD: Das ist interessant, das ist so fern von Ihrer eigenen Arbeit.

WS: Ja, aber vielleicht deshalb. Warum soll ich mir das angucken, was ich selber machen könnte, was ich selber denken könnte? Bei Larry Clark, da war wieder die Beiläufigkeit des Bildermachens, aber so verdichtet, dass es filmtauglich war – gelebtes Leben eben. Auch von Lustrum Press und sehr prägend war „The Lines of My Hand“ von Robert Frank, eher noch als „The Americans“.

Ich merke, es gibt wenige Bücher, die mich immer wieder so beschäftigen, dass ich sagen kann: Das ist unauflösbar. Robert Smithson ist zum Beispiel so ein Kaliber. „The Writings of Robert Smithson“ (1979) ist so ein Buch, das ich immer wieder lese, das ich nicht leid werde, mit Texten, die man immer neu verstehen kann. Das ist ein Künstler, den ich gerne zu Lebzeiten einmal getroffen hätte. Ein anderer Künstler, den ich über alle Maßen schätze, ist Richard Hamilton. Das sind so Urfiguren für mich. Marcel Duchamp wäre ein weiterer.

Und in der Fotografie… also eines der mit Abstand liebsten Bücher der letzten Jahre ist das Buch, das Ute Eskildsen 2012 zu ihrer Abschiedsausstellung in Essen gemacht hat: „Der Mensch und seine Objekte: Fotografische Sammlung.“ Das finde ich großartig! Die Kombination der Bilder finde ich so gut, da kann ich hundertprozentig sagen: Einfach nur super! Ohne Rechthaberei, ohne Besserwisserei, einfach nur lustvoll, die Größenverhältnisse, kleine Bilder, große Bilder… da geht mir das Herz auf. Das Buchformat stimmt, die Druckqualität stimmt, das nehme ich gerne in die Hand.

Ein anderes Buch, das ich toll finde, ist „Aveux non avenus“ von Claude Cahun von 1930 von Éditions du Carrefour. Das habe ich mal vor langer Zeit – damals schon unglaublich teuer – bei Daniel Buchholz gekauft. Das ist so eine Inkunabel, immer noch schön in Packpapier eingepackt. Und Ed Ruscha – neben dem habe ich mal in der Schlange gestanden, als das MOCA in San Francisco eröffnet wurde. Wir haben uns zehn Minuten unterhalten und ich war schwer beeindruckt. Die Bücher hatte ich alle in den Antiquariaten in Los Angeles gekauft, da war das entsprechend verbreitet und nicht so teuer. Und dann hat Daniel Buchholz gesagt, er hätte ein Exemplar von „Every Building on the Sunset Strip“ bei dem Ruscha hinten noch ein Bild eines Gebäudes extra dran geklebt hat – das habe ich dann für etwa 300 DM damals gekauft.

BD: Oh, das war aber sehr billig! Heute ist das unbezahlbar.

WS: Ja, das sind so Sachen – ich wusste das ja gar nicht! Es ist diese Neugierde, und da merke ich, solche Sachen bleiben in Erinnerung. Ich habe so unfassbar viele Bücher, ich weiß gar nicht mehr, wohin damit. Und jetzt habe ich mich hier eben umgeschaut – dieses Buch von David Lynch „Works on Paper“, das werde ich gleich mitnehmen… ich hätte mal beinahe eine Zeichnung von ihm gekauft, die war mir als Kunst dann aber doch nicht gut genug. Aber der Film „Lost Highway“ hat mich nachhaltig beschäftigt.

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