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Book Sites. Teil 1 – Prolog

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Gesammelte Schriften und Collected Writings – Texte und Interviews.

Für Lawrence Weiner sind Bücher „das am wenigsten aufdringliche Mittel für die Übertragung von Informationen“ – so schrieb er 1976 und so ist es in seinen gesammelten Schriften zu lesen. Damit bezog er sich nicht nur auf das Medium des Künstlerbuchs, welches unter zeitgenössischen Künstlern eine erfrischende Selbstverständlichkeit ist und ihr künstlerisches Œuvre oftmals entscheidend erweitert; beispielsweise ist Fischli/Weiss’ Findet mich das Glück? ein Buch, das zu den besten schriftlichen Zeugnissen unserer Kultur zählt und auf jeder 100 Bücher die Sie lesen sollten bevor Sie sterben Liste niemals fehlen dürfte. Weiner ging es ebenfalls um Aussagen des Künstlers oder der Künstlerin in schriftlicher Form, seien dies Essays, Notizen, Projektskizzen, transkribierte Interviews oder Manifeste, die publiziert wurden. Nur, kann dabei wirklich von unaufdringlich gesprochen werden?

Gefragt & gesagt. Schriften & Interviews von Lawrence Weiner 1968-2003, Ostfildern 2005, Cover; S. 89.

Tatsächlich hat die Übertragung von Informationen in schriftlicher Form etwas Zurückhaltendes, da der physische Gegenstand Buch dafür ausfindig gemacht, besessen und aufgeschlagen werden musste – zumindest noch zu der Zeit von Weiners Ausspruch. Dazu kommt die sukzessiv-zeitliche Tätigkeit des Lesens, die zwar in so manchen Fällen etwas Aufdringliches hat, aber auch einfach unterlassen werden kann und dann vollkommen unaufdringlich ist. Beim Betrachten eines Bildes und der simultan-zeitlichen Tätigkeit des Schauens könnte man mehr Aufdringlichkeit unterstellen, wie auch bei Weiners teils monumentalen Schriftarbeiten im öffentlichen Raum. Natürlich ließen sich auch hier Gegenbeispiele finden: Wahrscheinlich ist es eher die Ausnahme, dass Weiners Werkserie To Build a Square, die im Kölner Stadtgebiet, etwa am Stadtgarten oder am Museum Ludwig, verteilt ist, überhaupt wahrgenommen wird.

Gefragt & gesagt. Schriften & Interviews von Lawrence Weiner 1968-2003, Ostfildern 2005, S. 408

Lawrence Weiner – To Build a Square in the Rhineland, Köln 1995, o.S.

Dieses Für und Wider soll jedoch nicht über einen anderen Aspekt hinwegtäuschen, nämlich wie diskursbestimmend einige Schriften und Interviews von Künstlern geworden sind, sei dies in Bezug auf ihr eigenes Werk, auf das von Kollegen, oder auf kunsttheoretische Überlegungen im Allgemeinen. Viele Interpretationen begegnen dem aufmerksamen Leser immer wieder; sie sind zu Allgemeinplätzen geworden. Das Studium von gesammelten Schriften kann ungemein viel über einen künstlerischen Ansatz verraten, oftmals mehr als eine Interpretation von außen, jedoch sollte die Balance gewahrt bleiben. So, wie die meisten Künstler nicht immer wieder ein und dasselbe Bild gemalt haben – abgesehen vom späten Ad Reinhardt –, wird ihnen auf Dauer auch nicht ein und derselbe Satz gerecht, den sie einst notierten.

Der Titel dieser Blogreihe Book-Sites ist an Robert Smithson angelehnt. Für den Land Art-Künstler Smithson gab es die beiden Kategorien der Site und der Non-Site. The Site ist dabei das physische Werk in der Natur, also beispielsweise sein legendäres Spiral Jetty von 1970 in einem Salzsee in Utah. The Non-Site ist ein „dreidimensionales logisches Bild“, welches abstrakt ist und dabei einen realen Ort repräsentiert. Diese Repräsentation muss nicht auf Ähnlichkeit beruhen, die metaphorische Verbindung zwischen den beiden ist von Bedeutung. Sites sind zumeist in der Peripherie und Non-Sites im Zentrum des urbanen Geflechts der Kunstwelt zu finden. Bei Smithson sind diese Non-Sites ganz konkret mit Versatzstücken oder Spolien, beispielsweise mit Erde, Geröll oder Steinen, gefüllte Behälter, arrangiert mit reflektierenden Spiegeln, die als „erfundene Reise zu einem Ort“ verstanden werden.

Robert Smithson. Gesammelte Schriften, Köln 2000, Cover.

Smithson. Gesammelte Schriften, S. 106-107.

Smithson. Gesammelte Schriften, S. 176-177.

Gesammelte Schriften eines Künstlers könnte man vor diesem Hintergrund als Book Site zu verstehen suchen. The Book-Site wäre gewissermaßen so etwas wie der Kleister für den gesamten künstlerischen Korpus. Eine Schicht von Sprache, die sich um den Künstler und sein Werk herum aufbaut und Bedeutungshilfe anbietet. Diese Book-Site soll hier als Figur eingeführt werden, um die gesammelten Schriften eines Künstlers oder einer Künstlerin in ihrer Funktion zu konturieren. In Bezug auf Smithson wäre es einerseits ein konkretes materielles Objekt, das Buch, aber auch ein schriftlicher Weg an die verschiedenen Orte seiner Kunst und seiner Interessen, sowie zu der Kunst von anderen und seines intellektuellen Zugangs zur Welt.

Materialisieren sich die Gedanken eines Künstlers in ikonischer Form, ist die schriftliche Form der Book-Sites eine willkommene, da vermeintlich einfache Unterstützung. Gefahr entsteht dann, wenn die Aussagen zu apodiktisch angewandt werden. Das Gegenteil wiederrum, nämlich jegliche Aussageverweigerung eines Künstlers, führt zu einer größeren Bedeutungsoffenheit – eine Strategie, die auch reizvoll ist, aber selten radikal angewandt wird. Am ehesten wäre hier wohl an den irischen Künstler James Coleman zu denken, in eingeschränkter Form auch an Tino Sehgal.

Nachfolgend sollen drei Beispiele angesprochen werden, um der Frage nachzugehen: Wie können Book-Sites auf das Werk des Künstlers verweisen? Wobei sich sofort weitere Fragen aufdrängen, wie: Ist es eine Weiterführung, oder eine Vervollkommnung, eine Interpretationshilfe, oder gar ein Diktat? Müssen die Schriften als Legitimierung herhalten, oder sind sie eigener künstlerischer Prozess? Inwieweit sind die Äußerungen ein Speicher für zukünftige oder niemals zu vollendende Projekte? Wie sehr bezieht ein Künstler Position mit seinen Aussagen, besonders, wenn er über die Kunst anderer oder kulturpolitische Fragen schreibt? Diese Überlegungen sollen auf Robert Smithsons Gesammelte Schriften sowie Gefragt und Gesagt. Schriften und Interviews von Lawrence Weiner 1968-2003 und Richard Princes Collected Writings bezogen werden.

Die gesammelten Schriften von Künstlerinnen sind im Allgemeinen deutlich seltener zu finden. Zwar gibt es Ausnahmen wie Bridget Rileys The Eye’s Mind oder, mehr fokussiert und leider nicht so vollständig, Hanne Darbovens Briefe aus New York, jedoch sind diese massiv in der Unterzahl, was wohl nicht ausschließlich an der geringeren Schriftproduktion liegen mag. Die Benachteiligung von Künstlerinnen im Kunstsystem zeigt sich hier eklatant. Personen wie Hito Steyerl, die als Künstlerin und als Theoretikerin gleichermaßen anerkannt ist, könnten dabei einen längst überfälligen Anstoß geben. So steht mit Jenseits der Repräsentation. Essays 1999-2009 ein erster Band ihrer gesammelten Schriften bereit, der für den zeitgenössischen Diskurs gewiss noch viel Bedeutung haben wird.

In den kommenden zwei Beiträgen dieser Blogreihe geht es zunächst ins New York der 1960er Jahre zurück, in dem die damals jungen Künstler – im Rausch einer immer weiter entgrenzenden Ästhetik – regelrecht schriftliche Propaganda betrieben, um ihre Version von Kunst zu etablieren.

Zu Teil 2 der Book Sites rund um die Schriften von Robert Smithson geht es hier!


Bücher:
Gefragt & gesagt. Schriften & Interviews von Lawrence Weiner 1968-2003, hrgs. von Gerti Fietzek, Gregor Stemmrich, Ostfildern 2005. ISBN 978-3-7757-9193-9

Robert Smithson. Gesammelte Schriften, hrsg. von Eva Schmidt, Kai Vöckler, Köln 2000. ISBN 978-3-88375-388-1

Richard Prince. Collected Writings, hrsg. von Kristine McKenna, Ostfildern 2011. ISBN 978-3-7757-3176-8

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